Mittwoch, 28. Mai 2008

Fremdes Land, fremde Leute

Zelten in fremdem Garten, Trinec aus sicherer Entfernung, einer von vielen Stoerchen in Polen,
Idyllisches Nachtlager am Stausee






Der letzte Teil Tschechiens dauerte doch noch länger als angenommen, so tauchten doch plötzlich nochmals 100 Kilometer auf, da sich die vermeintlich tschechisch-polnische Grenze als Naturschutzgebiet herausstellte..
Der letzte Tag in Tschechien verlief ganz und gar nicht nach Planung. Wir standen sehr früh auf, denn wir wollten es heute bis Polen kommen. Um die Mittagszeit mussten wir jedoch einsehen, dass es kaum zu schaffen war, wir pedalierten dennoch kräftig weiter, Ziel war ein Camping nahe der Grenze.
Nach 100 km und 1000 Höhenmeter kamen wir müde an, doch der Camping existierte nicht...
Nun fuhren wir in die nächste Stadt (Trinec) und was uns hier erwartete war echt bedenklich.
Man stelle sich eine Stadt mit engen Strassen vor, durch die sich wütend die PKWs und Lastwagen zwängen. Man stelle sich mehrere Brücken über den Köpfen vor, auf denen sich rostige Wagons quietschend und donnernd, schier unermüdlich vorwärts schieben... Gestank, Lärm von allen Seiten, schmutzige Pub's, rauchende Fabriken. Und nun stelle man sich vor, man müsste hier bleiben, arbeiten, leben...
Eine Pension fanden wir zuerst nicht, bis wir von einem freundlichen Herrn zu einem Hotel geführt wurden. Es war riesig und von aussen betrachtet heruntergekommen und ausladend, so staunten wir nicht schlecht über den hohen Preis, den wir nicht zu bezahlen bereit waren.
Mir war richtig schlecht, denn ich hatte vom langen Suchen bereits einen ausgewachsenen Hungerrast und nachdem ich gierig Brot und Käse runtergeschlungen hatte, sah alles schon wieder etwas rosiger aus. Nun konnte ich mich auch langsam mit Erikas Vorschlag von vorhin, nämlich irgendwo das Zelt aufzuschlagen, anfreunden. Dass dieser Moment kommen würde, dass irgendwann keine Dusche und kein WC mehr gleich um die Ecke stehen würde, dass war mir ja klar, doch nun kam dieser Moment so unerwartet, so plötzlich...
Ich spürte dennoch eine unglaubliche Erleichterung, als wir diesen Lärm nun etwas hinter uns lassen konnten, doch wir fuhren nicht weit. In einem Stück eingezäumter Wiese waren gerade ein paar junge Leute dabei, ihre Bierflaschen einzusammeln um ins Haus zu gehen. Wir fragten, ob jemand englisch spreche und eine junge Frau gab gleich auf tschechisch zu verstehen, dass sie ein wenig spreche.
Wir erklärten mit Händen und Füssen unser Anliegen, worauf sie uns ohne nachzudenken in ihren Garten führte. Wir durften das Zelt aufstellen und sie brachte sogar Bier.
Ihr Englisch beschränkte sich auf ein paar Schlagwörter (friends, home, baby), doch mit einem tschechisch-russisch-englischem Gemisch entstand eine witzige Unterhaltung. Monika, so hiess sie, war sehr interessiert daran mit uns zu sprechen.
Wir erfuhren, dass sie 22 Jahre alt sei, aus Pratislawa (Slowakei) komme und bereits einen 3 Monate alten Sohn habe.
Mehrere Male wies sie uns an diesem Abend darauf hin, unsere Fahrräder auch wirklich abzuschliessen und die wertvollen Sachen bei uns zu tragen. Es seinen viele Betrunkene in dieser Gegend unterwegs - der Wodka...
So stapelten wir alles Gepäck ins Vorzelt und schliefen mehr schlecht als recht, ungewaschen, klebrig, frierend... und die Züge quietschten das Gutenachtlied.

War das nun der Vorgeschmack auf Polen? Schliesslich waren wir gleich an der Grenze und Tschechien hatten wir bisher so ganz anders erlebt...
Welch dummer Gedanke, welch gemeines Vorurteil. Ich schämte mich richtig, als wir am nächsten Tag von einem wunderschönen und freundlichen Polen mit offenen Armen und mit vielen lächelnden Gesichtern empfangen wurden.
Erikas Veloführer (Polen Süd) aus den 70er Jahren wollte uns nur über gelbe und sogar rote Strassen führen. Es war von Wagen mit Pferden und viel Landwirtschaft die Rede. Wir zeichneten unseren eigenen Weg ein, über Nebenstrassen, durch Dörfer die in eine hügelige Landschaft eingebettet waren. Landwirtschaft steht hier wirklich sehr weit oben, doch sind die Felder oft sehr klein und die Leute erledigen von Hand was bei uns schon längst maschinell geschieht. Wir sahen sogar einen Pferdewagen wie bschrieben : ) Die Gärten sind überaus gepflegt und aus jedem zweiten dröhnt einem ein Rasenmäher entgegen.
Da die Strassenbeschilderung nicht mehr ganz so gut ist wie in Tschechien und unsere Karte ebenfalls nicht sehr exakt, fragten wir uns von Dorf zu Dorf durch.
Mir gefiel diese Art des Vorwärtskommens, immer in Kontakt mit den Leuten, in einem Gebiet, dass selten Touristen sieht. Dies hat natürlich zur Folge, dass es auch wenige Schlafmöglichkeiten gibt und so übernachteten wir wiederum draussen. Etwas abgelegen vom Dorf in einem Wald an einem grossen Stausee. Es war idyllisch. Nur der Fischer wollte und wollte nicht gehen, so wusch ich mich hinter einem Baum. Erika beteuerte er, dass sie sich gut im See waschen könne, das störe keineswegs beim Fischen ; )
So wusch sie sich bei seinen Fischen im Bikini, mit ihm Wodka zu trinken lehnten wir jedoch ab. Wir befürchteten, er würde dann gar nicht mehr gehen...

Bereits in Tschechien habe ich ein Stück meines Herzens gelassen, in fester Hoffnung, einmal dahin zurück zu kehren und nun hat auch Polen mein Herz im Sturm erobert...
Ich weiss, ich bin nicht das letzte Mal hier, einen anderen Gedanken würde ich gar nicht erst ertragen...

Gestern sind wir nach Krakau gefahren und traffen unerwartet auf einen sehr gepflegen Camping. Hier bleiben wir nun zwei Tage, sehen uns heute die Stadt an und fahren morgen nach Ausschitz.
Danach sagen wir dem südlichen Polen bereits Lebewohl und nehmen den Zug, rauf zu den Masuren. Die Seenplatten dort sollen fantastisch sein und da die Zeit drängt müssen wir uns entscheiden. Uns bleiben nur noch gute 4 Wochen bis Moskau.


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