Heilige Burijatische Staette
Haeufige Situation, selbst auf Hauptstrassen
Russische Tamdemfahrer, Vladimir und Sergei (blind)

Etwas laenger als eine Woche ist es her, seit die Moskauer abgereist sind und obwohl sie mir fehlen wurde es mir nicht langweilig.
Da meine Zugbekanntschaften, Anja und Ajur bereits am 16. August zurueck nach Petersburg mussten, blieb keine Zeit um auszuruhen.
Mit der Elektritschka (Zug) war ich in 7 Std. in Ulan-Ude, der Hauptstadt Buriatiens und wurde gleich abgeholt, um an einem kleinen huebschen See mit der Familie Schaschlick (Spiess aus Schweinefleisch) zu essen. Es war schoen die beiden wieder zu sehen. Gemuetlich wars mit der Familie, um das Wodkatrinken kam ich nicht herum ; ) Nachdem wir auf dem Nachhauseweg bei Anjas Grosstante noch vorbeischauten, kamen noch zwei Glaeser suesser Wein dazu (der leider ebenfalls gestuerzt werden musste) und trotz Protest zwei Glaeser Eigenbrandt (Feuer). Diese feuchtfroehliche Atmosphaere sollte sich die naechten zwei Tage noch weiterziehen, denn alle wollten der Schweizerin das Wodkatrinken beibringen. Ajur und Anja konnten sich hingegen meist elegant rausstehlen... Am naechsten Tag fuhren wir zum Baikal, wobei zweimal angehalten wurde. Einmal um bei einer heiligen burjatischen Staette den dortigen Geist um eine unfallfreie Fahrt zu beten und einmal in der Naehe des Baikals, um seinen Geist gnaedig und freundlich zu stimmen.
Eine Goldmuenze oder eine ungebrauchte Zigarette wird gespendet.
(Falls es euch interessiert wer die Burjaten sind, ganz kurz:
Die Burjaten haben stark asiatisch gepraegte Gesichter. Sie verbindet eine nahe Verwandtschaft mit den Mongolen, was sich auch in der sprachlichen Naehe nachvollziehen laesst. Lange lebten sie in filzgedeckten Jurten nomadisch, in erster Linie von Viehzucht. Noch heute betreiben sie haeufig Viehzucht, neben Pferden und Kuehen werden in erster Linie Schafe gehalten. Auf dem Irkutsker Markt faellt auf, dass Milchprodukte fast nur von burjatischen Verkaeuferinnen angeboten werden. Der Urglaube ist der Schamanismus, der heute nur noch sehr begrenzt praktiziert wird. Interessant ist, dass auch die orthodoxen Russen an den heiligen Staetten kurz anhalten oder zumindest beim Vorbeifahren eine Muenze oder Zigarette aus dem Fenster werfen.)
Nach einer schoenen Nacht am Lagerfeuer, wieder mit Schaschlik und Wodka, feierten wir am naechsten Abend bereits mit der Familie Abschied. Ich ass mich durch alle burjatischen Spezialitaeten und musste auf 1000 Sachen trinken. Ungewollt sass ich danach wirklich betrunken im Kino.
Eine herzliche Verabschiedung und bereits wieder auf dem Fahrrad in Richtung Selenga-Delta, allerdings nicht auf der Hauptroute, da ich mir weniger Verkehr erhoffte. Fehlentscheidung. Ein Berg von 1400 Hoehenmeter und viel Verkehr. Ein Bauarbeiter, der bereits vor einer Viertelstunde vorbeigefahren war kam mir ploetzlich wieder entgegen und wendete. Er sei bereits bis ganz oben gefahren, da habe ich ihm so leid getan, bestimmt sei ich erschoepft. Natuerlich konnte ich nicht ablehnen, obwohl ich gerne selbst gefahren waere. Eigentlich hatte ich vorgehabt im Wald zu zelten, jetzt war ich bereits wieder in der Zivilisation. So fuhr ich noch lange entlang der Selenga in den Abend hinein und beschloss, im letzten Dorf um Obdach zu beten. Zweite Fehlentscheidung an diesem Tag...
Selenga


Schon beim Dorfanfang fielen mir die extrem aermlichen Haeuser auf. Ein Auto mit zwei unangenehmen Gestalten hielt, ueberall wurde ich ekelhaft unverschaemt angestarrt und angelallt. Ich hielt Ausschau nach einer Frau, doch ueberall sassen nur versoffene Maenner, Junge und Alte. Sobald ich langsamer fuhr, kamen sie mir entgegen - schnell weiter...
Die letzten Haeuser, eine Frau mit einem Kind stand am Gartenzaun. Etwas verunsichert bremste ich, worauf sie mich sofort energisch ins Haus bat - ihrem Redeschwall folgte eine Alkoholfahne.
Nun folgte ein Abend, den ich gut und gerne streichen wuerde. "Meine Kleine!", entzueckte sie sich immer wieder und kuesste mein Gesicht. Ein kleiner Junge starrte mich unentwegt mit offenem Mund an, schmutzig, kaputt... Das etwa 12jaehrige Maedchen jedoch machte mir Mut. Sie war soweit sauber und hatte grosse, kluge Augen, bewegte sich normal, sprach normal... Sie tat mir so gut..
Essen lehnte ich ab, ich haette bereits gegessen, log ich. Ueberall sassen die Fliegen und neues Essen bereitete sie in der schmutzigen, mit Resten verklebten Pfanne zu.
Einige Lebensmittel, die ich von der burjatischen Familie geschenkt bekommen hatte, nahm man gerne an. Ploetzlich wurde die Tuer aufgerissen und ein riesiger Mann baeumte sich vor mir auf. Wilde, stahlblaue Augen starrten mich aus einem von Alkohol und Wetter gezeichneten Gesicht wuetend an. "Wer ist das?! Was macht die da?!" Die Frau beruhigte abwechselnd ihn und mich, beides gelang ihr anfangs nicht wirklich.. Unentwegt sagte sie: "Hier passiert dir nichts, meine Kleine, niemand tut dir etwas!" Ich war mir nicht so sicher und kam mir vor wie in einem schlechten Maerchen... Die Situation beruhigte sich und ich legte mich bald aufs Bett. Es stank nach Urin - abartig. Ganz verkrampft, dass bloss keine Haut das Bett beruehrte, versuchte ich zu schlafen. In der Kueche wurde mit weiteren traurigen Gestalten angestossen.
Mehrmals wachte ich in dieser Nacht auf . Einmal deckte sie mich mit dieser wiederwaertigen Decke bis zum Kinn zu, einmal kuesste sie mich erneut ab, jedes Mal wenn die Tuer aufging erwartete ich etwas unangenehmes und mitten in der Nacht tobte draussen der Hund, man hoerte Maennerstimmen. Bestimmt wurde gerade mein Fahrrad mitgenommen - es war noch da am Morgen.
Ebenfalls ohne Fruehstueck fuhr ich los, bloss weg, weg...
Wenn man nur den Kindern helfen koennte. Wie kann man solche Augen vergessen...
Von nun an waren die Begegnungen wieder erfreulich. Eine Gruppe Bauarbeiter lud mich auf die Baustelle zu Blinee und Tee ein, welche dort eine aeltere Dame zubereitete. Sie kocht dort den ganzen Tag und waescht Geschirr, mitten unter Borrergedroehne und Staub, doch die Stimmung war grossartig.
Auf der Baustelle

In Irkutsk wartete Zoja auf mich, damit wir gemeinsam mit den Enkelkindern an den Baikal fahren konnten und da der Zug erst zwei Tage spaeter fuhr, beschloss ich per Anhalter nach Irkutsk zu kommen. Leider fuhren nur wenige Linienbusse und so versuchte ich mein Glueck bei einem Lastwagen.
Zusammen mit einem freundlichen Russen und 700l Milch fuhr ich also nach Hause.
Russischer Laster (Karmas)

Morgen gehts mit dem Schiff zum Baikal. Ich freue mich!!!







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